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Chinesisches Tapetenzimmer in Schloss Hallenburg

Ausschnitte aus der chinesischen Tapete

Eine Rarität

Eine europäische Rarität, vor allem auch wegen ihrer Größe. Mit 18 Bahnen und 3 Supraporten umfasst sie eine Fläche von rund 68 Quadratmetern. Ähnliche Tapeten sind  in Wilhelmsthal (bei Kassel), in Rheinsberg, in Coppet (bei Genf) und in England zu finden.

Was sehen wir?

Eine Florale Panoramatapete. Diese Tapetenart zeigt Landschaften mit vielen verschiedenen Pflanzenarten, Vögeln und Insekten, wobei es sich meist um naturalistische Darstellungen handelt.
Die Art der Malerei geht auf eine alte chinesische Tradition aus der T’ang- Zeit (618 - 909) zurück. Eine besondere Blüte erreichte sie in der nachfolgenden Sung - Periode (909 - 1279), wurde aber an den kaiserlichen Akademien bis zum Ende des Kaiserreiches weiter gepflegt. Für den Chinesen stellen die gemalten Naturausschnitte einen Mikrokosmos dar, in dem sich allgemeine Weltgesetze (Werden und Vergehen) widerspiegeln.
Häufig sind blühende Bäume dargestellt, die aus stilisierten Felsgruppen über die ganze Tapetenhöhe emporwachsen und auf deren Zweigen Vögel sitzen. Schmetterlinge und andere Insekten fliegen zwischen diesen Bäumen umher, während am unteren Ende der Tapete, um die Baumstämme herum verschiedenste Pflanzenarten, Blumen und Büsche wachsen. Vor allem finden wir hier Bambus, Chrysanthemen, Prunus-Arten (Pflaumen, Kirschen), Pfingstrosen (Päonien), Granatapfel, Oleanderarten, Litschi - Bäume, Malven, wilden Tee und Lotus. Auch Hibiskus, Hortensien, Wasserlilien und Mohn  werden immer wieder dargestellt.
Neben südostasiatischen Vogelarten und Arten, die bei den Chinesen eine symbolische Rolle spielen (z.B. Eisvogel, Elster, Papagei, Pfau, Pirol, Rabe, Schwalbe, Sperling, Wachtel, Mandarinente, Rebhuhn, Fasan, Kakadu) beobachten wir auf diesen Tapeten auch immer wieder solche, die wir aus unserer heimischen Fauna kennen (Meisen, Finken, Amseln).
Die einzelnen Kompositionsteile haben für den Chinesen symbolische Bedeutung, so signalisieren Vogel- und Schmetterlingspaare auf Prunusblütenzweigen die im Frühling aufkeimende Liebe, die Granatäpfel weisen auf reiche Nachkommenschaft hin (wegen ihrer vielen Samen), Vogelpaar und Rose sollen an erfüllte Liebe denken lassen.
Florale chinesische Tapeten müssen von figürlichen Panoramatapeten unterschieden werden, die uns in verschiedene Landschaften Südchinas führen und  uns am chinesischen Alltagsleben des 18. Jahrhunderts teilnehmen lassen.

Wie kommt so eine exotische Tapete in ein deutsches Schloss ?

Das hat etwas mit der so genannten „China-Mode“ des 18. Jahrhunderts zu tun. Mit dem Chinahandel (seit Ende des 16. Jh.) kamen zuerst Porzellane, seit der 2. Hälfte des 17. Jh. aber auch Seiden- und Papiermalereien, später auch Tapeten nach Europa und kleideten dort fürstliche Pavillons und Eck-Kabinette aus. Ihren Höhepunkt fand diese Mode im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts.
Diese Mode in der Kunst wurde begleitet und gefördert durch das Interesse der Aufklärung, die in China auch moralisch Beispielhaftes für Europa sahen (z. B. VOLTAIRE). Eine weitere Quelle für das Interesse an China bilden Werke wie z. B. die „Persischen Briefe“ MONTESQIEUs (1721), in denen die gewohnte, als selbstverständlich erscheinende eigene Welt aus einer ganz neuen Perspektive verfremdet und kritisiert wird.

Florale chinesische Tapeten und Gartenillusionismus

Nichts erfreut in gleicher Weise wie die Werke der Natur. So charakterisiert schon PLINIUS im ersten Jahrhundert nach Christus treffend und programmatisch die Perspektive des römischen Stadtmenschen bei der Betrachtung seiner Umgebung.
Und wie die Römer die Innenräume ihrer Villen als Gärten ausmalten, so holte auch der deutsche Adel im 18. Jahrhundert die Natur nach innen und erfüllte sich mit floralen chinesischen Tapeten den Wunsch nach Gartenillusion. Die Tapeten setzen oft direkt über einer schmalen Bodenleiste an (wie in der Hallenburg) und bieten umfassende Naturausblicke.

Herkunft und Material

Die ersten Rolltapeten mit floralen Mustern sind Anfang des 18. Jh. nach Europa gelangt („indian papers“ = exotische Tapeten). Sie wurden dann zunehmend beliebt und in China für den europäischen Bedarf und in bestellten Maßen hergestellt. In China selbst hat man solche Tapeten nicht verwendet.
Die Tapete in Schloss Hallenburg dürfte Ende der Sechziger Jahre des 18. Jh. erworben worden sein; sie ist aber erst während der Umbauphase des Schlosses um 1800 in der Beletage geklebt worden.
Die Tapete ist auf Makulatur montiert, die vorwiegend aus Seiten einer barocken Leichenpredigt von 1728 und aus alten Akten besteht.
Sie war in den vergangenen zwanzig Jahren stark in Mitleidenschaft gezogen worden und musste grundlegend restauriert werden. Kosten: rund 250.000 €. Sie ist nach der Restaurierung, die z. B. Trockenreinigung und Schimmelbeseitigung umfasste, auf einer Unterkonstruktion so an der Wand montiert worden, dass der ursprüngliche, vor mehr als 200 Jahren vorhandene Originalzustand wieder fast erreicht wurde.

Kurioses aus der Schlitzer Tapetengeschichte

Dass die chinesische Tapete der Hallenburg weitgehend auf der Makulatur einer barocken Leichenpredigt klebt, ist eine von mehreren Besonderheiten. Weitere sind diese:
1954 schenkte Graf Otto Hartmann von Schlitz gen. v. Görtz das Schloss der Stadt Schlitz für das Gymnasium, das dort von 1956 bis 1977 arbeitete.
Zwischen Schule, Stadt, Denkmalpflege und dem Grafen Görtz kommt es zu unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie man mit dem Tapetenzimmer verfahren solle. Die Stadt möchte die Tapete am liebsten verkaufen. Graf Görtz beansprucht die Tapete als Eigentum, weil sie zum „Inventar“ des Schlosses gehört, und will sie verkaufen, um den Erlös der Schule zur Verfügung zu stellen. Ein Gutachten über die Tapete sagt aus, dass es sich „bestimmt nicht um eine chinesische Arbeit“, handelt und dass „ein antiker bzw. Kunstwert nicht in Frage komme“; zum Beweis wird u. a. angeführt, dass unter der Tapete „Zeitungsmakulatur“ des „Schlitzer Boten“ zum Vorschein komme, einer Zeitung, die erst ab 1856 erschienen sei.
Die Tapete bleibt also in Schlitz und leidet in den Folgejahren, als das Schloss leer steht, unter Witterungseinflüssen, sowie unter Vandalismus.
Nachdem die so genannte „Zeitungsmakulatur“ als barocke Leichenpredigt von 1728 identifiziert wurde, wird ab 1995 die Öffentlichkeit durch zahlreiche Presseartikel wachgerüttelt und auf den Wert der Tapete aufmerksam gemacht. Im Zusammenhang mit der Restaurierung des Schlosses und der Einrichtung der Hessischen Akademie für musisch-kulturelle Bildung gGmbH ab 2001 erfolgt dann die Restaurierung der Tapete.

Autor: Volker Puthz

 

 

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